Die Darstellung der Gedanken von Personen liegt an der Grenze zwischen Faktualität und Fiktionalität und stellt ein Kernproblem historischen Erzählens dar: Einerseits bildet sie im Blick auf Herkunft und Qualität der Informationen eine Verletzung der kognitiven Grenzen der realen Welt, andererseits ist sie eine absolute Notwendigkeit in Bezug auf historische Kausalität und Motivierung, weil es keine historische Erzählung ohne das zugehörige ‘causal network’ geben kann, das die unsichtbare Kehrseite des manifesten Geschehens bildet. Bei Herodot, so lässt sich feststellen, bildet den Normalfall nicht die skrupulöse Einhaltung der kognitiven Grenzen, sondern deren maßvolle Überschreitung. Zwar vermeidet Herodot die direkte Darstellung von Gedanken, doch unter Rückgriff auf eher indirekte Formen berichtet er von mentalen Zuständen und Vorgängen, wobei sich die Komplexität auf verschiedene Stufen verteilt, die von einfachen psychologischen Anmerkungen bis zu mimetischen Darstellungen innerer Vorgänge reichen. Der Beitrag analysiert sowohl auf der extradihegetischen Ebene den Zugang des Erzählers zu den Gedanken seiner Figuren als auch auf intradihegetischer Ebene den Zugang von Personen zu den Gedanken anderer Personen. Darüber hinaus werden einige Erzählstrategien betrachtet, die der Erzähler wählt, um im jeweiligen Fall und im Hinblick auf die jeweiligen erzählökonomischen Erfordernisse die Undurchdringlichkeit oder die Durchschaubarkeit der Gedanken einzelner Personen zu akzentuieren.

Der Zugang zu den Gedanken von Personen in Herodots Historien

DORATI, MARCO MASSIMO
2013-01-01

Abstract

Die Darstellung der Gedanken von Personen liegt an der Grenze zwischen Faktualität und Fiktionalität und stellt ein Kernproblem historischen Erzählens dar: Einerseits bildet sie im Blick auf Herkunft und Qualität der Informationen eine Verletzung der kognitiven Grenzen der realen Welt, andererseits ist sie eine absolute Notwendigkeit in Bezug auf historische Kausalität und Motivierung, weil es keine historische Erzählung ohne das zugehörige ‘causal network’ geben kann, das die unsichtbare Kehrseite des manifesten Geschehens bildet. Bei Herodot, so lässt sich feststellen, bildet den Normalfall nicht die skrupulöse Einhaltung der kognitiven Grenzen, sondern deren maßvolle Überschreitung. Zwar vermeidet Herodot die direkte Darstellung von Gedanken, doch unter Rückgriff auf eher indirekte Formen berichtet er von mentalen Zuständen und Vorgängen, wobei sich die Komplexität auf verschiedene Stufen verteilt, die von einfachen psychologischen Anmerkungen bis zu mimetischen Darstellungen innerer Vorgänge reichen. Der Beitrag analysiert sowohl auf der extradihegetischen Ebene den Zugang des Erzählers zu den Gedanken seiner Figuren als auch auf intradihegetischer Ebene den Zugang von Personen zu den Gedanken anderer Personen. Darüber hinaus werden einige Erzählstrategien betrachtet, die der Erzähler wählt, um im jeweiligen Fall und im Hinblick auf die jeweiligen erzählökonomischen Erfordernisse die Undurchdringlichkeit oder die Durchschaubarkeit der Gedanken einzelner Personen zu akzentuieren.
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